In diesem Winter

In diesem Winter
Die Tage werden kürzer, und der Baum fängt langsam an, die Nährstoffe abzuziehen. Stickstoff, Chlorophyl und Proteine werden vom Stamm aufgesogen, und mit ihnen gehen auch das Grün und die Elastizität dahin. Man hängt zwar noch dort oben, aber man weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Nacheinander fallen die Blätter in deiner Nähe herab, du siehst ihnen beim fallen zu und lebst in der Angst, es könnte ein Wind aufkommen.

Jetzt dagegen wache ich immer vor Sonnenaufgang auf – so werden die Tage unendlich lang. Es hat etwas grausames an sich, findest du nicht? Die Morgenstunden sind sowieso die schrecklichsten, nichts hilft einem, sich abzulenken, man liegt da und weiß, dass die eigenen Gedanken nur noch zurückwandern können.
Das sich in der Schroffheit deines Befehls nicht Empfindungslosigkeit ausdrückte, sondern die äußerste Anspannung einer Person, die sonst gleich zu weinen anfängt. Es ist der Panzer, von dem ich vorher sprach. Deiner ist noch so eng, dass du fast keine Luft bekommst. Die Tränen, die nicht heraus können, lagern sich auf dem Herzen ab, nach und nach bilden sie eine Kruste und legen es lahm, wie der abgelagerte Kalk mit der Zeit den Mechanismus einer Waschmaschine lahmlegt.
In deinem Alter hat man innerlich so viel in Ordnung zu bringen, man hat Pläne, und diese Pläne bergen Unsicherheiten.
Das Unbewusste kennt keine Ordnung oder eindeutige Logik, die tiefsten Sehnsüchte mischen sich darin mit übergroß gewordenen, verzerrten Tagesresten, und zwischen den tiefen Sehnsüchten tauchen körperliche Bedürfnisse auf. Ich merkte, wie unter deinen Worten die Energie brodelte, eine überhebliche Energie, zum Ausbruch bereit und nur mit Mühe gebändigt; dass ich die Unebenheiten glättete und mit gespielter Gleichgültigkeit auf deine Angriffe reagierte, zwang dich andere Wege zu suchen.
Du drohtest mir dann, du würdest fortgehen, aus meinem Leben verschwinden, ohne je wieder von dir hören zu lassen.
Vielleicht hofftest du auf die Verzweiflung, die demütigen Bitten einer Freundin.  Als ich dir sagte, eine Reise wäre eine ausgezeichnete Idee, kamst du ins Schleudern, du wirktest wie eine Schlange, die mit aufgesperrtem Rachen, zum zubeißen bereit, ruckartig den Kopf hebt und auf einmal das Opfer, auf das sie sich stürzen wollte, nicht mehr vor sich sieht. Wochenlang haben wir uns benommen wie zwei Soldaten, die, nachdem sie in einem Feld eine Mine vergraben haben, aufpassen, dass sie nicht drauf treten. Wir wussten, wo sie lag, was es war, und hielten uns fern, wobei wir so taten, als sei das, wovor wir uns fürchteten, etwas ganz anderes. Als ich schließlich explodierte und du schluchzend zu mir sagtest: „Du verstehst nichts und wirst auch nie etwas verstehen“, musste ich mich unglaublich anstrengen, um dich nichts von meiner Ratlosigkeit ahnen zu lassen.
„Was ist los, was denkst du?“ fragte ich dich dann, und du, als wäre von deinem Nachmittagsbrot die Rede, gabst mir zur Antwort: „Ich denke, ob der Himmel ein Ende hat oder immer weiter geht“. Ich war stolz darauf, deine Empfindlichkeit glich meiner, ich fühlte mich nicht groß oder weit weg, sondern wie eine zärtliche Komplizin. Ich tat so, ich wollte so tun, als würde es für immer so bleiben.
Doch leider sind wir keine Wesen, die in Seifenblasen glücklich durch die Luft schweben; in unserem Leben gibt es ein Vorher und ein Nachher, und dieses Vorher und Nachher holt uns ein, legt sich über uns wie ein Netz über die Beute.


Trotz allem, was gesagt wird, glaube ich, dass es im Kopf der Menschen immer noch mehr Schatten als Licht gibt. Alles ist geordnet, von oben geregelt, alles was dir geschieht, geschieht dir, weil es einen Sinn hat. Die Grenze ist sehr schmal, sie zu überschreiten oder nicht zu überschreiten ist die Frage eines Augenblicks, einer Entscheidung, die man trifft oder nicht; ihre Bedeutung wird dir erst klar, wenn der Augenblick vorbei ist.
Erst dann bereust du es, erst dann begreifst du, dass in jenem Augenblick nicht Freiheit, sondern Einmischung nötig gewesen wäre: Du warst anwesend, die Sache war dir bewusst, und aus diesem Bewusstsein hätte die Verpflichtung zu handeln entstehen müssen. Die Liebe ist nichts für faule um sich in aller Fülle zu entfalten, verlangt sie manchmal eindeutige, starke Taten.
Du hättest etwas tun können und hast es nicht getan, du bist rückwärts gegangen statt vorwärts.





An den Gabelungen deines Weges begegnest du anderen Lebens, ob du sie kennenlernst oder nicht, ob du in einem tiefen Austausch mit ihnen trittst oder sie nicht beachtest, hängt alleine von der Wahl ab, die du in einer Sekunde triffst; ob du weitergehst oder abbiegst, bestimmt, auch wenn du es nicht weißt, oft über deine ganze Existenz und über die der Menschen, die mit dir zusammen leben.
Ich habe meine Persönlichkeit aufgegeben um einen Charakter anzunehmen. Charakter, das wirst du noch merken, wird in der Welt viel mehr geschätzt als Persönlichkeit. Etwas tief in mir lehnte sich weiter dagegen auf, ein Teil wünschte sich, weiter ich selbst zu sein, während der andere, um geliebt zu werden, sich den Erfordernissen der Welt anpassen wollte.
Wir sind zwei verschiedene Menschen und müssen uns in den Verschiedenheiten achten. Aber um stark zu sein, muss man sich selbst lieben; um sich selbst zu lieben, muss man sich von Grund auf kennen, alles von sich wissen, auch die verborgensten Dinge, die am schwersten zu akzeptieren sind.



Ich mache den Eindruck, als hätte ich mich verirrt, und vielleicht ist es nicht nur ein Eindruck, sondern ich habe mich wirklich verirrt. Aber so ist der Weg, zu dem man das braucht, was du so sehr suchst: Eine innere Mitte. Die Lösung der Probleme ergibt sich aus der täglichen Erfahrung, daraus, dass man die Dinge so sieht, wie sie wirklich sind. In dem Moment, in dem man beginnt, den Ballast abzuwerfen, das auszusondern, was nicht zu uns gehört, was von außen kommt, ist man schon auf dem richtigen Weg.
Verstehen erfordert Stille.
Die Stille ist wie der feuchte Lappen, sie wischt die Stumpfheit des Staubes für immer fort. Der Geist ist ein Gefangener der Worte; wenn er einem Rhythmus folgt, so dem unordentlichen Rhythmus der Gedanken; das Herz dagegen atmet, von allen Organen ist es das einzige, dass pulsiert, und dieses pulsieren erlaubt es ihm, mit dem pulsieren größerer Dinge in Einklang zu treten. Das ständige Geräusch, der Lärm sind eine Art Droge, wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man nicht mehr ohne sie auskommen.
Manche Dinge tun sehr weh, wenn man über sie nachdenkt.
Und wenn man sie dann ausspricht, wird der Schmerz noch viel größer.
(Textauszüge aus: Geh wohin dein Herz dich trägt von Susanna Tamaro) 

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