Wenn aus einem Facebook-Post ein Abenteuer wird


Manchmal beginnen die größten Abenteuer mit einer Entscheidung, über die man im ersten Moment überhaupt nicht nachdenkt. Bei mir war es ein ganz gewöhnlicher Facebook-Post. Ein Aufruf, dass jemand für ein Abenteuer im Dschungel gesucht wurde. Mehr stand da zunächst gar nicht. Und trotzdem blieb dieser Gedanke bei mir hängen. Ich war gerade erst aus dem Urlaub zurückgekommen und hatte kurz zuvor ein Buch gelesen, in dem sich zwei Kinder mitten im Dschungel kennenlernen. Vielleicht war es genau diese Mischung aus Fernweh, Abenteuerlust und diesem kleinen Funken Verrücktheit, die mich dazu gebracht hat, mich einfach zu bewerben. Ohne wirklich zu wissen, worauf ich mich da eigentlich einließ.


Dann begannen die Vorbereitungen. Und plötzlich wurde aus einer spontanen Bewerbung eine ziemlich ernsthafte Angelegenheit. Wir sollten fit werden. Richtig fit. Trainieren mit 25 bis 30 Kilogramm Gepäck, möglichst lange Strecken laufen und am besten jedes Wochenende neue Routen suchen. 30 Kilometer mit einem schweren Rucksack waren das Ziel. Also hieß es laufen, trainieren, ausprobieren und sich immer wieder fragen, ob der eigene Körper das wirklich schaffen würde. Damals dachte ich noch, dass ich damit ziemlich gut vorbereitet sein würde. Heute weiß ich, dass kein Training der Welt einem wirklich vermitteln kann, wie sich der Dschungel anfühlt.

Im Januar war es dann tatsächlich so weit. Panama.


FOTOS: Die gezeigten Fotos sind zum Großteil von Urip Dunker (www.uripdunker.com)

 

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DER DARIEN GAP RUFT

Die ersten beiden Tage verbrachten wir noch in Panama-Stadt, in einem Hotel, mit einem Bett, einer Dusche und all den Dingen, die sich zu diesem Zeitpunkt noch völlig selbstverständlich anfühlten. Doch dann ging es los. Stundenlang fuhren wir mit dem Bus immer weiter hinein in eine Landschaft, die zunehmend ursprünglicher wurde.

Nach ungefähr sechs Stunden erreichten wir einen kleinen Bootsanleger. Von dort ging es mit Motorbooten weiter, später stiegen wir auf kleine Holzboote um, die uns am Abend schließlich zu einem kleinen Camp bei Einheimischen brachten.

Und spätestens dort begann sich etwas zu verändern.

Wir lernten, wie man eine Hängematte richtig aufhängt, wie man seinen Rucksack so packt, dass man später auch tatsächlich an das herankommt, was man braucht, und worauf man im Dschungel achten musste. Es gab ein Briefing, viele Informationen und wahrscheinlich mehr Dinge, über die wir uns Gedanken machen sollten, als wir uns zu diesem Zeitpunkt vorstellen konnten. Meine ganz persönliche größte Sorge war allerdings eine andere: Ich hatte panische Angst davor, nachts aus meiner Hängematte klettern zu müssen, das Moskitonetz zu öffnen und irgendwo im dunklen Dschungel auf die Toilette zu müssen. Zum Glück blieb mir diese Erfahrung erspart.


Am nächsten Morgen klingelte der Wecker früh. Sehr früh. Gegen fünf Uhr ging es wieder los, passend zum Sonnenaufgang. Noch lag eine gewisse Aufregung in der Luft, denn niemand wusste so recht, was die nächsten Tage mit uns machen würden. Wir wussten nur, dass vor uns der Darién lag und ungefähr 85 Kilometer Dschungel zwischen uns und der Küste. Gegen sieben oder acht Uhr begann unsere erste richtige Etappe. Und schon nach den ersten Stunden wussten wir: Das hier wird anders als alles, was wir trainiert hatten.

Es ging bergauf, wieder bergauf und irgendwann gefühlt nur noch bergauf. Der Regen der vergangenen Tage hatte den Boden in eine einzige Schlammlandschaft verwandelt. Wir waren innerhalb kürzester Zeit nassgeschwitzt, dreckig und bis in die kleinsten Ritzen voller Schlamm. Und auf unseren Rücken lagen ungefähr 25 Kilogramm Gepäck. An diesem ersten Tag fühlte sich jedes einzelne Kilo davon an wie eine zusätzliche Last, die uns immer weiter nach unten zog. Wir waren ungefähr sechs Stunden unterwegs, bis wir schließlich an einer kleinen, wunderschönen Wasserstelle ankamen. Es war einer dieser Momente, in denen man plötzlich merkt, warum man eigentlich hier ist. Wir waren erschöpft, aber glücklich. Und dann begann die nächste Aufgabe: unser Zuhause für die Nacht aufzubauen.


Hängematten spannen. Moskitonetze befestigen. Mit Paracord Leinen ziehen, an denen unsere nasse Kleidung trocknen konnte. Alles hatte seinen Platz und alles musste irgendwie funktionieren. Unsere Guides erklärten uns, dass wir unsere Schuhe nicht einfach auf dem Boden stehen lassen sollten und worauf wir nachts achten mussten. Denn der Dschungel war kein Ort, an dem man einfach das Licht ausschaltet und die Welt für ein paar Stunden anhält. Trotzdem fühlte sich meine kleine Hängematte irgendwann erstaunlich sicher an.


Meistens waren wir so erschöpft, dass wir nach dem Abendessen gegen 19 Uhr nur noch hineinkrochen, das Moskitonetz schlossen und sofort einschliefen. Um uns herum lebte der Dschungel weiter. Es knackte, raschelte, rief und bewegte sich. Manchmal hörten wir Geräusche, die wir nicht zuordnen konnten. Und am nächsten Morgen saßen wir zusammen und überlegten, welches Tier wohl in der Nacht für dieses oder jenes Geräusch verantwortlich gewesen sein könnte. Aber irgendwie war genau das wunderschön. Die Luft war angenehm, die Nächte dunkel und die Erschöpfung so tief, dass wir teilweise bis fünf Uhr morgens durchschliefen. Und wenn wir aufwachten, fühlte es sich an, als hätte unser Körper über Nacht alles repariert. Wir standen auf, waren wieder voller Energie und machten uns erneut auf den Weg. Die folgenden Tage waren körperlich unglaublich fordernd.

Wir liefen durch völlig unterschiedliche Landschaften, durchquerten immer wieder Flüsse und standen teilweise bis zur Hüfte im Wasser. Dabei mussten wir ständig darauf achten, dass unsere Schlafsäcke und wichtige Ausrüstung trocken blieben. Es ging über Felsen, durch dichtes Unterholz, unter umgestürzten Baumstämmen hindurch und manchmal mussten wir regelrecht klettern. Einen klassischen Wanderweg gab es nicht. Der Dschungel bestimmte den Weg – und wir mussten uns ihm anpassen. Manchmal waren wir sieben oder acht Stunden unterwegs und hatten am Ende gerade einmal sechs Kilometer geschafft. Sechs Kilometer.


Auf einer normalen Wanderung klingt das nach einem Spaziergang. Dort fühlten sich sechs Kilometer wie eine Ewigkeit an. Es gab Momente, in denen ich einfach nicht mehr konnte. Jeder Muskel tat weh. Die Füße waren ständig nass, die Kleidung klebte am Körper und der Rucksack schien von Stunde zu Stunde schwerer zu werden. In manchen Momenten fragte ich mich tatsächlich: Warum mache ich das hier eigentlich? Warum habe ich mir das angetan? Es gab Augenblicke, in denen der Dschungel nicht mehr nach Abenteuer aussah, sondern einfach nur noch anstrengend war. Aber dann kam irgendwann wieder dieser eine Moment. Eine Aussicht. Ein Fluss. Ein besonderer Augenblick mit den Menschen vor Ort. Ein gemeinsames Lachen. Oder einfach dieses Gefühl, sich umzudrehen und zu sehen, dass die anderen genauso erschöpft waren wie man selbst – und trotzdem weitergingen.


Und dann wusste man wieder, warum man hier war.

 

zu gast bei einheimischen

 

Besonders berührend waren die beiden Tage, an denen wir nicht weiterwanderten, sondern bei einheimischen Familien leben durften. Wir waren plötzlich nicht mehr nur Besucher, die durch den Dschungel kamen. Für kurze Zeit durften wir in ihren Alltag eintauchen. Wir sahen, wie Kaffeebohnen getrocknet wurden, verbrachten Zeit mit den Kindern und waren gemeinsam mit ihnen im Fluss. Es waren eigentlich ganz einfache Dinge. Und vielleicht waren sie gerade deshalb so besonders.


Kein Zeitdruck, kein Handy, keine Nachrichten, keine Termine und keine Gedanken daran, was irgendwo auf der anderen Seite der Welt gerade passierte. Nur dieser Moment. Wir durften beobachten, wie die Menschen dort leben, wie Familien miteinander umgehen, wie Kinder spielen und wie selbstverständlich Dinge sein können, die wir im Alltag längst übersehen. Diese Tage gehörten für mich zu den schönsten und wertvollsten Erfahrungen der gesamten Reise.


Und während wir immer weiter Richtung Küste liefen, veränderte sich auch etwas innerhalb unserer Gruppe. Aus Menschen, die gemeinsam zu einem Abenteuer aufgebrochen waren, wurde eine Gemeinschaft. Wir waren gemeinsam müde, gemeinsam dreckig, gemeinsam nass und gemeinsam an unseren körperlichen Grenzen. Jeder hatte seine eigenen Momente, in denen er kämpfen musste. Aber wir gingen weiter. Zusammen. Und irgendwann kam dieser Tag. Der Tag, auf den wir die ganze Zeit hingearbeitet hatten. Wir wussten, dass wir kurz vor der Küste waren. Aber wir wussten nicht, dass es bereits so weit war. Wir kamen eine Flussmündung hinunter. Unser Guide sprach noch mit uns, während wir weiterfuhren. Wir waren müde. Wir waren erschöpft. Und wahrscheinlich hatte jeder von uns irgendwo im Kopf bereits angefangen, sich auszumalen, wie es sich anfühlen würde, wenn diese Reise vorbei wäre. Doch dann kamen wir um eine Ecke. Und da war das Meer. Für einen kurzen Moment war es, als würde die Zeit stehen bleiben. Nach all den Tagen im dichten Grün, nach Schlamm, Regen, Flüssen, Felsen, schweren Rucksäcken, schmerzenden Füßen und unzähligen Stunden im Dschungel lag plötzlich dieses unendlich weite Meer vor uns.

Wir hatten es geschafft. Und dann brachen alle Dämme.


Wir weinten. Wir lagen uns in den Armen. Wir lachten und weinten gleichzeitig. Jeder von uns legte seinen Rucksack ab – diese schweren Rucksäcke, die uns über Tage begleitet und manchmal fast erdrückt hatten – und dann rannten wir einfach ins Meer und konnten kaum begreifen, dass es wirklich vorbei war. Dass wir tatsächlich dort standen. Dass all die Momente, in denen wir uns gefragt hatten, warum wir das tun, plötzlich Teil einer Geschichte waren, die wir für immer erzählen würden. Es war nicht nur das Meer. Es war alles, was dahinterstand.

Die Schmerzen. Die Erschöpfung. Die Zweifel. Das Durchhalten. Das gegenseitige Helfen. Die Menschen, denen wir begegnet waren. Die Nächte in unseren Hängematten. Die Geräusche des Dschungels. Die Flüsse. Der Schlamm. Das Lachen. Die Momente, in denen wir uns gegenseitig motiviert hatten. Alles war plötzlich in diesem einen Augenblick da.


Am Abend saßen wir gemeinsam am Strand und machten ein Feuer. Jeder von uns durfte noch einmal erzählen, was diese Reise für ihn persönlich bedeutet hatte. Und während wir dort saßen und dem Feuer zusahen, wurde mir bewusst, dass wir nicht einfach nur 85 Kilometer durch einen Dschungel gelaufen waren. Wir hatten etwas über uns selbst gelernt.

 

WIR HABEN ES GESCHAFFT


mEER IN SICHT

 

uND WIE GING ES WEITER?

DER LETZTE TAG IM DSCHUNGEL

Am nächsten Tag ging es weiter in einen Ort, zurück in eine Welt, die uns plötzlich fast fremd vorkam. Zum ersten Mal seit beinahe zwei Wochen konnten wir unsere elektronischen Geräte wieder aufladen. Wir hatten keinen Empfang gehabt, keine Nachrichten gelesen, keine sozialen Medien gesehen und keine Verbindung zu unserem normalen Leben gehabt.


Und plötzlich lagen unsere Handys wieder vor uns.


Viele von uns riefen zuerst zu Hause an. Wir schrieben unseren Liebsten, dass wir angekommen waren und dass es uns gut ging. Es war ein eigenartiger Moment. Denn einerseits fühlte es sich unglaublich wichtig an, wieder Kontakt zur Außenwelt zu haben. Andererseits hatte man sich in diesen Tagen daran gewöhnt, dass die Welt auch ohne uns weiterläuft.

 

DER LETZTE TAG IM PARADIES