Zwischen Himmel und Erde –
Unsere Reise durch die Mountains of the Moon
Am nächsten Morgen verließen wir die Gorilla Lodge bereits um sechs Uhr, und während der frühe Morgen noch über den Bergen lag, entfernten wir uns langsam von dem Ort, an dem wir am Tag zuvor eine Begegnung erlebt hatten, die uns vermutlich für immer begleiten wird. Hinter uns blieb der dichte Dschungel zurück, vor uns lag das nächste große Abenteuer unserer Reise: die Rwenzori Mountains, die legendären „Mountains of the Moon“, deren Gipfel sich weit über die Landschaft Ugandas erheben. Die Fahrt dorthin wurde selbst schon zu einem Erlebnis, denn die Landschaft veränderte sich beinahe unmerklich mit jedem Kilometer. Zunächst fuhren wir durch endlose Bananenplantagen, dann durch kleine Städte und Dörfer, in denen das Leben am Straßenrand stattfand und wir immer wieder anhielten, um frisches Obst zu kaufen. Später wurden die grünen Teeplantagen immer größer und zogen sich über ganze Hügel, und ich musste daran denken, dass genau hier der Tee wächst, den wir später irgendwo auf der Welt selbstverständlich aus einer Tasse trinken würden.
Irgendwann überquerten wir den Äquator, hielten natürlich an und machten Fotos, und obwohl es letztlich nur eine unsichtbare Linie auf der Erde war, fühlte sich dieser Moment für uns besonders an, als würde unsere Reise damit eine weitere Grenze überschreiten. Am Abend erreichten wir schließlich unsere Unterkunft, die direkt an einem Fluss in einem wunderschönen Steinhaus lag, und nach den vergangenen Tagen tat es unglaublich gut, einfach anzukommen, den Rucksack abzustellen, etwas zu essen und für einen Moment zur Ruhe zu kommen.
 
dER AUFSTIEG
 
Doch lange konnten wir uns nicht ausruhen, denn am nächsten Morgen bekamen wir unsere komplette Ausrüstung für die bevorstehende Bergbesteigung, und spätestens als ich den Eispickel, die Steigeisen und die gesamte warme Kleidung vor mir liegen sah, bekam das Abenteuer plötzlich eine ganz andere Dimension. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich ehrlich gesagt gar nicht so intensiv mit dem Berg auseinandergesetzt und irgendwie verdrängt, was es eigentlich bedeutete, auf über 5.000 Meter steigen zu wollen. Als dann die Zahl von rund 5.109 Metern fiel und wir außerdem erfuhren, dass wir die Tour, für die normalerweise deutlich mehr Zeit eingeplant wird, in nur vier Tagen bewältigen wollten, wurde mir doch ein wenig anders. Neben all der Vorfreude war plötzlich auch Respekt da und irgendwo in meinem Bauch diese kleine, leise Frage: Schaffe ich das wirklich? Am nächsten Morgen standen wir schließlich mit unseren gepackten Rucksäcken am Eingang des Rwenzori-Nationalparks und wussten, dass es nun kein Gedankenspiel mehr war, sondern tatsächlich losging.
Die ersten Stunden waren überraschend sanft, und vielleicht war genau das gut so, denn wir mussten erst einmal in diesen Rhythmus hineinfinden. Der Weg führte durch dichten Bergwald, über kleine Brücken und immer wieder leicht bergauf und bergab, sodass wir noch lachen, erzählen und die unglaubliche Landschaft genießen konnten. Immer wieder begegneten uns die Porter, und ich glaube, selten habe ich während einer Reise so großen Respekt vor Menschen empfunden wie vor ihnen. Sie tragen unsere Ausrüstung, Nahrung, Wasser, Kochutensilien und alles, was wir für die Expedition benötigen, den Berg hinauf, teilweise mit unglaublich schweren Lasten und auf Wegen, auf denen selbst wir mit unseren hochwertigen Wanderschuhen immer wieder ins Rutschen kamen. Viele von ihnen trugen einfache Gummistiefel und befestigten ihre Lasten mit einem Riemen über der Stirn beziehungsweise dem Kopf, während sie mit einer Selbstverständlichkeit an uns vorbeiliefen, die mich tief beeindruckte. Wir kamen mit bester Ausrüstung, warmen Funktionskleidern und gut gepackten Rucksäcken, während diese Menschen dafür sorgten, dass all das überhaupt dort oben ankam, und ich konnte ihnen eigentlich nur mit großem Respekt hinterherschauen.
Nach ungefähr fünf Stunden erreichten wir unsere erste Hütte, das Nyabitaba Camp, und spätestens dort wurde uns bewusst, wie weit wir uns bereits von allem entfernt hatten, was wir aus unserem normalen Alltag kannten. Es gab keinen Strom, kein Licht, keine Steckdosen und keinen Luxus, sondern lediglich einfache Holzhütten und unsere Schlafplätze. Wir bekamen ein Hochbett, breiteten unsere Sachen ein wenig aus und hatten anschließend noch Zeit, mit den Menschen vor Ort zu sprechen und mehr darüber zu erfahren, wie das Leben in dieser Höhe funktioniert und wie die gesamte Versorgung des Berges organisiert wird. Wir lernten weitere Porter kennen, hörten ihre Geschichten und bekamen einen kleinen Einblick in eine Welt, die uns vollkommen fremd war. Am Abend wurde es immer kühler, wir tranken Tee und bekamen ein unglaublich leckeres Essen von unserem Koch, der während der gesamten Tour zu einem der wichtigsten Menschen für uns werden sollte, denn nach einem langen Tag im Berg war seine warme Mahlzeit weit mehr als nur Nahrung – sie war Energie, Trost und ein kleines Stück Zuhause in einer Welt, die mit jedem Höhenmeter fremder wurde.
DIE MACHT DER BERGE
Am nächsten Morgen zeigte sich der Rwenzori zum ersten Mal von seiner schönsten Seite. Die Sonne war bereits früh aufgegangen und die Wolken hatten sich verzogen, sodass wir zum ersten Mal die Berge vollständig sehen konnten. Wir standen einfach da und schauten nach oben, weil dieser Anblick so gewaltig war, dass Worte kaum ausreichten. Es sah aus wie eine Kulisse aus Jurassic Park, als wären wir plötzlich in einer anderen Zeit und Welt gelandet. Der Weg führte uns wieder steil bergauf und bergab, durch immer dichteres Grün, vorbei an Pflanzen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, und unser Guide erklärte uns immer wieder die Besonderheiten der Vegetation. Genau das machte unsere Guides für mich so besonders: Sie brachten uns nicht einfach nur den Berg hinauf, sondern sie zeigten ihn uns. Sie machten uns auf Pflanzen, Tiere und kleine Veränderungen in der Landschaft aufmerksam und vermittelten uns das Gefühl, dass wir nicht einfach durch diesen Berg marschierten, sondern langsam begannen, ihn wirklich kennenzulernen. Zwischendurch führten uns Holzstege über sumpfige Passagen, die irgendwann gebaut worden waren, um den Weg für Besucher etwas sicherer und einfacher zu machen, und obwohl wir immer höher kamen, war das Klima zunächst noch angenehm.
Nach einiger Zeit erreichten wir das John-Matte-Camp auf etwa 3.500 Metern, und eigentlich hätten wir dort bleiben können. Wir entschieden uns jedoch, nur zu Mittag zu essen und anschließend noch weitere fünf Stunden zu gehen, damit wir am nächsten Tag nicht so viel Zeit in der Hütte verbringen mussten. Was zunächst nach einer guten Idee klang, wurde zu einer der härtesten Etappen der gesamten Reise. Der Regen setzte ein, die Wege wurden rutschig und schlammig, wir rutschten immer wieder aus, unsere Kleidung wurde nass und wir mussten über Wurzeln, Steine und durch Wasserläufe weitergehen. Irgendwann war der Berg nicht mehr einfach wunderschön, sondern wurde zu einem echten körperlichen Kampf. Jeder Schritt erforderte Konzentration, und irgendwann ging es eigentlich nur noch darum, die nächste Kurve, den nächsten Stein oder die nächste Wurzel zu erreichen. Nach insgesamt etwa zehn Stunden Wanderung erreichten wir schließlich das Bujuku Camp auf knapp 4.000 Metern, völlig erschöpft, durchnässt und mit schmerzenden Füßen. Es gab wieder keinen Strom, aber diesmal hatten wir zumindest einen kleinen Kamin, an dem wir unsere Sachen ein wenig trocknen konnten, und ich erinnere mich noch daran, wie unglaublich kostbar diese kleine Wärmequelle plötzlich für uns war.
5109 METER Margherita Peak
 
In dieser Nacht wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es bedeutet, sich auf einen Berg einzulassen, der weit über 5.000 Meter hoch ist. Wir wussten, dass wir um ein Uhr nachts aufstehen mussten, um unseren Gipfelversuch zu beginnen, und trotzdem konnte ich kaum schlafen, weil es bitterkalt war. Immer wieder wachte ich auf und versuchte, mich in meinem Schlafsack irgendwie warmzuhalten, während draußen die Dunkelheit über dem Berg lag.
Um ein Uhr klingelte schließlich der Wecker, und obwohl wir tierisch müde waren, mussten wir aufstehen und uns für den Gipfel vorbereiten. Wir zogen alles an, was wir dabeihatten: Socken, Strumpfhose, Skihose, zwei T-Shirts, Pullover, Jacke, Handschuhe und Stiefel, bis wir irgendwann so viele Schichten übereinander trugen, dass wir uns kaum noch bewegen konnten. Nach einem kurzen Tee und dem letzten Briefing machten wir uns gegen zwei Uhr morgens auf den Weg.
Draußen war es stockdunkel, und unsere Stirnlampen waren die einzige Orientierung, die wir hatten. Wir sahen nicht, was vor uns lag, sondern nur den kleinen Lichtkegel direkt vor unseren Füßen, und immer wieder rutschten wir weg, mussten uns an Felsen hochziehen oder regelrecht klettern. Je höher wir kamen, desto kälter wurde es, Pflanzen waren eingefroren und irgendwann verschwand das Grün fast vollständig. Aus dem Wanderweg wurde Geröll, aus Geröll wurden Felsen und schließlich Eis, und wir mussten uns immer wieder an Seilen nach oben ziehen, die selbst gefroren waren. Meine Handschuhe rutschten ständig von den vereisten Seilen ab, ich schlug mir die Knie an den Felsen an und merkte gleichzeitig, wie mein Körper trotz der Kälte auf Hochtouren lief. Ich war erschöpft, aber durch die ständige Bewegung fror ich erstaunlicherweise gar nicht so sehr, sondern spürte vielmehr, wie mein Körper alles mobilisierte, was er noch an Kraft hatte.
Gegen halb sieben Uhr wurde es langsam hell und wir konnten zum ersten Mal sehen, wo wir uns eigentlich befanden. Der Anblick war atemberaubend. Es sah aus, als wären wir auf einem Vulkan gelandet, denn um uns herum gab es nur noch Geröll, Felsen, Schnee und Eis, während die Wolken unter und neben uns vorbeizogen. Dann schoben sich die ersten Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und fielen in einzelnen Lichtkegeln auf die Landschaft, sodass es für einen Moment fast unwirklich schön aussah. Ich stand dort, völlig erschöpft und gleichzeitig überwältigt von diesem Anblick, und dachte nur darüber nach, wie ein Ort gleichzeitig so brutal und so wunderschön sein kann. Doch je höher wir kamen, desto stärker zog die Bewölkung wieder auf, und irgendwann befestigten wir unsere Steigeisen an den Schuhen, weil wir uns dem Gletscher näherten. Noch etwa 200 Meter lagen vor uns, als unser Guide plötzlich stehen blieb und uns sagte, dass wir abbrechen mussten, weil ein Schneesturm aufzog und der weitere Weg über den Gletscher zu gefährlich geworden war. Es gab keine Diskussion und keinen Versuch, den Berg zu überreden – wir mussten sofort wieder hinunter.
WIR MÜSSEN UMKEHREN
Es war ein bitterer Moment, denn natürlich wollten wir den Margherita Peak erreichen, und irgendwo hatte jeder von uns dieses Bild vom Gipfel im Kopf. Doch gleichzeitig war da die Erkenntnis, dass dieser Berg nicht mit sich verhandeln lässt und dass es manchmal mehr Stärke braucht, um umzukehren, als weiterzugehen.
Wir entschieden uns, nicht den gesamten Weg zurück zur Hütte zu nehmen, sondern eine andere Unterkunft auf dem Weg anzusteuern. Auf meine Frage, wie lange wir dafür brauchen würden, hieß es ungefähr vier Stunden. Am Ende wurden daraus acht Stunden durch einen Schneesturm. Wir mussten wieder absteigen, zwischendurch klettern, über Felsen gehen, durch Schnee und Wasser und immer weiter, obwohl meine Beine irgendwann so erschöpft waren, dass ich sie kaum noch spürte. Gegen 17 Uhr erreichten wir schließlich ein relativ neues Camp, völlig durchnässt und ausgekühlt. Alles war nass, und der Schlafsack war für diese Temperaturen eigentlich nicht gemacht. Wir konnten uns nur mit heißem Tee ein wenig aufwärmen, während mein Körper zunehmend streikte. Ich konnte kaum noch etwas essen, bekam Verstopfungen und fühlte mich einfach nur noch leer und erschöpft. Am Abend besprachen wir mit unseren Guides, wie es weitergehen sollte, denn eigentlich hatten wir geplant, über eine andere Route durch den Park zurückzugehen, doch aufgrund des Wetters und der schwierigen Bedingungen rieten sie uns dringend davon ab. Wir mussten denselben Weg zurück, den wir gekommen waren.
der ABSTIEG IN VON 12 STUNDEN
Der nächste Abstieg wurde zu einer der härtesten Erfahrungen meines Lebens. Wir kletterten den gesamten Berg wieder hinunter und mussten dabei feststellen, dass bergab nicht automatisch leichter bedeutet. Im Gegenteil: Wir rutschten ständig aus, unsere Beine waren erschöpft und irgendwann bemerkte ich, dass meine Füße vollkommen aufgerissen waren. Die Haut war offen, alles tat weh und teilweise bluteten meine Füße, aber wir mussten weiter. Am Nachmittag erreichten wir völlig durchnässt die Hütte, die wir am Vortag übersprungen hatten, bekamen dort etwas zu essen und mussten anschließend noch einmal fünf Stunden weitergehen, bis zum allerersten Camp, an dem unsere Tour begonnen hatte. Insgesamt waren wir an diesem Tag ungefähr zwölf Stunden unterwegs, und irgendwann spürte ich meine Knie kaum noch. Ich wurde immer langsamer, blieb stehen, ging wieder weiter und dachte irgendwann wirklich, dass ich einfach umkippen würde. Ich weiß bis heute nicht, woher die letzten Kräfte kamen, aber irgendwie erreichte ich das Camp.
Und dort war einfach Schluss.
Ich warf meinen Rucksack und meine Sachen hin und konnte nicht mehr gehen. Ich habe geweint, richtig geweint, weil die Schmerzen, die Erschöpfung und die Überforderung einfach zu viel geworden waren. Ich war völlig am Ende und hatte in diesem Moment tatsächlich Angst davor, wie ich am nächsten Tag überhaupt aus dem Park kommen sollte, weil ich kaum noch laufen konnte. Die Guides mussten mir die Schuhe ausziehen und mir aus der Hose helfen, weil selbst solche kleinen Bewegungen nicht mehr möglich waren. Und gerade in diesem Moment wurde mir noch einmal bewusst, wie wichtig diese Menschen für unsere Reise geworden waren. Sie waren nicht einfach nur unsere Guides, die uns den Weg zeigten. Sie waren diejenigen, die uns durch diesen Berg führten, uns Sicherheit gaben, uns erklärten, was wir sahen, uns Mut machten und sich nun, als wir völlig erschöpft vor ihnen lagen, mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit um uns kümmerten. Sie versorgten unsere Füße, machten Tee und zauberten wieder ein unglaublich gutes Essen auf den Tisch. Ich werde ihnen dafür immer dankbar sein.
Am nächsten Morgen durften wir etwas länger schlafen, und gegen neun Uhr machten wir uns auf den letzten Abstieg zum Parkausgang. Plötzlich war die Welt wieder eine andere. Die Luft wurde wärmer, das Klima trockener und irgendwann hatten wir wieder ungefähr 30 Grad. Die Vegetation wurde dichter, Tiere tauchten wieder auf und mit jedem Höhenmeter, den wir verloren, fühlte es sich mehr an, als würden wir langsam in unsere normale Welt zurückkehren. Nach ungefähr vier Stunden erreichten wir schließlich den Ausgang des Nationalparks und bekamen unser Zertifikat. Ich hielt es in der Hand und dachte an die vergangenen Tage, an den Dschungel, die Gorillas, die Porter, unsere Guides, den Regen, den Schlamm, die Felsen, das Eis, den Schnee und den Sturm und natürlich auch an den Gipfel, den wir nicht erreicht hatten. Und trotzdem fühlte ich mich nicht wie jemand, der gescheitert war. Im Gegenteil. Ich fühlte mich unglaublich erleichtert, glücklich und vor allem dankbar, dass wir gesund wieder unten angekommen waren.
Nach vier Tagen freuten wir uns auf Dinge, die vorher vollkommen selbstverständlich gewesen waren: eine richtige Toilette, eine warme Dusche, trockene Kleidung und ein bequemes Bett. Doch einer der schönsten Momente wartete noch auf uns. An unserer Unterkunft am Fluss gab es eine kleine natürliche Wasserstelle, in der sich warmes Wasser gesammelt hatte, und wir legten uns einfach hinein. Nach vier Tagen voller Kälte, Nässe, Schlamm und körperlicher Erschöpfung fühlte sich dieses warme Wasser wie ein Geschenk an. Wir saßen dort, hörten den Fluss rauschen und ließen unseren Körper langsam loslassen, und ich glaube, selten habe ich Wärme so sehr genossen wie in diesem Moment.
Während ich dort lag, musste ich darüber nachdenken, was mein Körper in diesen vier Tagen eigentlich alles geleistet hatte. Ich hatte nicht trainiert, ich hatte mich nicht wirklich auf diese körperliche Belastung vorbereitet und war trotzdem durch den Dschungel, über Tausende Höhenmeter, durch Regen, Schlamm, Schnee und Eis gelaufen und hatte sogar einen Schneesturm überstanden. Ich hatte irgendwann geglaubt, dass mein Körper mich im Stich lässt, weil ich nicht mehr laufen konnte, doch rückblickend musste ich erkennen, dass er genau das Gegenteil getan hatte: Er hatte mich getragen, solange er konnte, und als er nicht mehr konnte, hatte er mir gezeigt, dass auch Grenzen dazugehören.
Wenn ich heute an diese vier Tage zurück-denke...
 
...denke ich deshalb nicht zuerst daran, dass wir den Margherita Peak nicht erreicht haben. Ich denke an das Lachen, das wir trotz aller Erschöpfung immer wieder gefunden haben, an die Tränen, die irgendwann einfach kamen, an die Momente, in denen wir staunend vor dieser unglaublichen Landschaft standen, an die Dankbarkeit, die uns immer wieder überkam, und an die Menschen, ohne die diese Reise niemals möglich gewesen wäre. Unsere Guides haben uns nicht nur sicher durch die Berge geführt, sondern uns die Schönheit des Rwenzori gezeigt und uns immer wieder daran erinnert, dass dieser Berg nicht besiegt werden muss, sondern dass man ihm mit Respekt begegnen muss.
Sie waren da, wenn wir lachten, wenn wir Angst hatten, wenn wir nicht mehr konnten und wenn wir einfach nur noch erschöpft waren, und dafür werde ich ihnen immer dankbar sein.Wir waren an unsere Grenzen gegangen. Wir hatten geweint, gelacht, geflucht, gestaunt und irgendwann einfach nur noch funktioniert. Wir waren körperlich und emotional erschöpft und gleichzeitig so glücklich, etwas erlebt zu haben, das sich kaum in Worte fassen lässt. Vielleicht war genau das die eigentliche Lektion des Rwenzori: Wir Menschen glauben oft, wir müssten immer höher hinaus, immer weitergehen und unsere Ziele um jeden Preis erreichen, doch manchmal besteht die größte Stärke darin, anzuerkennen, dass eine Grenze erreicht ist. Wir wollten den Gipfel, aber der Berg hat uns gezeigt, dass nicht jeder Gipfel unser sein muss.
Und vielleicht ist genau deshalb die Erinnerung an diese Reise für mich so wertvoll. Denn wir haben den Margherita Peak nicht erreicht, aber wir haben etwas anderes gefunden: eine neue Wertschätzung für unseren Körper, für die Menschen, die uns begleitet haben, für die Natur und für die kleinen Dinge, die wir im Alltag so schnell vergessen. Wir haben erfahren, wie sich Erschöpfung anfühlt und wie unglaublich erleichternd es sein kann, wenn man nach Stunden des Kampfes endlich wieder ankommt. Wir haben erlebt, dass man manchmal glaubt, keinen einzigen Schritt mehr gehen zu können und dann trotzdem noch einen findet. Und noch einen. Und noch einen.
Der Rwenzori hat uns seinen Gipfel nicht geschenkt.
Aber vielleicht hat er uns etwas viel Wertvolleres gegeben: die Erinnerung daran, dass wir stärker sein können, als wir selbst glauben, dass Umkehren kein Scheitern bedeutet und dass es manchmal nicht darum geht, ganz oben anzukommen, sondern darum, den Weg dorthin wirklich zu erleben.
Und wenn ich heute an diesen Berg denke, dann sehe ich nicht nur Schnee, Eis und Felsen. Ich sehe Menschen, die uns geholfen haben, als wir selbst nicht mehr konnten. Ich sehe Sonnenstrahlen, die durch die Wolken brachen. Ich sehe den Dschungel, der unter uns immer kleiner wurde. Ich sehe unsere Tränen und unser Lachen. Und ich sehe mich selbst – erschöpft, glücklich, dankbar und mit einem Herzen voller Stolz, weil ich erfahren durfte, wie viel in mir steckt.