Gorillas in the wild
 
Kennst du das Gefühl, wenn du schon lange von der einen Sache träumst und plötzlich geht sie in Erfüllung? Dann hüpft dein Herz vor Freunde, du wirst innerlich ganz still und Freudentränen steigen in dir auf. So ging es mir in Uganda, als wir endlich die Gorillas entdeckt haben. Aber wie kam es dazu?
Während unserer Rundreise durch Uganda mit "Marvell Gorilla Adventure" ging es von der Hauptstadt Kampala in die acht Stunden entfernte
Bweza Gorilla Lodge. Wir fuhren knapp 500km durch die schönsten Landschaften Ugandas. Als wir die Bergregion erreichten, wurde mir klar, dass ich diese Reise niemals vergessen werde.
 
Anreise & lodge
 
Angekommen im Bwindi Impenetrable National Park – einem der ältesten Regenwälder Afrikas und UNESCO-Welterbe - spürten wir, dass man nicht einfach ankommt. Orte, die sich langsam in einem niederlassen – noch bevor man überhaupt begreift, dass man gerade etwas Besonderes erlebt. Als wir an unserer Lodge ankamen, lag über den Bergen diese kühle, klare Luft, die sich vollkommen anders anfühlte als alles, was wir bisher auf unserer Reise erlebt hatten.
Sie roch nach Erde, nach feuchtem Grün und nach etwas Unberührtem. Um uns herum begann der Dschungel bereits sein abendliches Konzert. Irgendwo raschelte es im Dickicht, Vögel riefen einander zu und aus der Ferne drangen Geräusche herüber, deren Ursprung wir nicht einmal erahnen konnten.
Unser Zimmer war wunderschön. Einfach, warm und genau richtig für diesen Ort. Nach der langen Fahrt ließen wir uns beim Abendessen nieder. Es gab gutes Essen, Gespräche und dieses besondere Gefühl, dass der nächste Tag etwas bereithielt, das wir noch nicht greifen konnten.
Denn am nächsten Morgen würden wir den Wald betreten. Noch an diesem Abend bekamen wir unser Briefing. Die Regeln waren klar. Wir würden einem Tier begegnen, das uns Menschen ähnlicher ist, als wir vielleicht manchmal wahrhaben möchten. Wir sollten Abstand halten, leise sein, nichts berühren und vor allem eines: Respekt haben.
 
gorilla tracking
 
06:00 Uhr.
Der Wecker riss uns aus dem Schlaf. Draußen war die Welt noch dunkel und still – zumindest für uns. Die Vögel hingegen waren längst wach. Ihr Gesang kam aus allen Richtungen, als würde der Morgen im Dschungel nicht beginnen, sondern bereits seit Stunden stattfinden. Wir stiegen ins Auto.
Die Straße führte uns immer höher hinauf durch die Berge. Kurve um Kurve öffnete sich die Landschaft vor uns. Und irgendwann lag sie da: die Weite des Kongo, tief unter uns, eingebettet in Nebel, Berge und unendliches Grün. Ich erinnere mich daran, wie ich aus dem Fenster sah und für einen Moment einfach nichts sagte. Manchmal fehlen einem die Worte nicht, weil man nichts empfindet – sondern weil man zu viel empfindet.
Nach einiger Zeit erreichten wir das UWA Nkuringo Gorilla Tracking Center. Hier wurden wir noch einmal eingewiesen. Die letzten Regeln, die letzten Hinweise. Dann standen wir dort, mit unseren Rucksäcken, unseren Wanderschuhen und einer Mischung aus Vorfreude und Respekt. Vor uns lag der Dschungel. Und irgendwo dort drinnen lebten sie. Die Gorillas.
Wir wussten nicht, wie lange wir suchen würden. Wir wussten nicht, wie weit wir gehen mussten. Wir wussten nicht, ob wir ihnen überhaupt begegnen würden. Aber in diesem Moment begann etwas, das sich für mich bis heute nicht wie eine gewöhnliche Wanderung anfühlt. Es fühlte sich eher an, als würden wir eine Grenze überschreiten. Raus aus unserer Welt. Hinein in ihre.
die begegnung
Wir gingen mit unserer kleinen Gruppe immer tiefer in den Dschungel.
Je weiter wir uns vom Ausgangspunkt entfernten, desto mehr verschwand die Welt, die wir kannten. Kein Weg, keine vertrauten Geräusche, keine Orientierung. Nur noch dieses unendliche Grün. Wir schlugen uns durch das dichte Unterholz, duckten uns unter Ästen hindurch und folgten den Spuren unserer Tracker. Der Dschungel wurde dichter, die Luft wärmer und schwerer. Sie legte sich auf die Haut und machte jeden Atemzug spürbar. Immer wieder mussten wir kleine Wasserläufe überqueren. Manchmal suchten wir nach einem sicheren Tritt auf einem Stein, manchmal wateten wir einfach hindurch. Unsere Schuhe wurden nass, unsere Kleidung schwerer und unsere Beine müder.
Aber niemand beschwerte sich. Denn irgendwo dort draußen waren sie. Unsere Tracker gingen uns voraus. Mit unglaublicher Aufmerksamkeit lasen sie den Dschungel, als könnte er ihnen eine Geschichte erzählen. Ein abgeknickter Zweig. Eine Spur im feuchten Boden. Blätter, die bewegt worden waren. Vielleicht ein Zeichen. Vielleicht nur der Wind.
Sie suchten nach den Gorillas.
Und wir folgten ihnen.
Nach ungefähr zwei Stunden änderte sich plötzlich etwas.
Die Gruppe kam wieder zusammen.
Die Stimmen verstummten.
Alle wurden leiser.
Als hätten wir gemeinsam verstanden, dass wir nun vorsichtiger sein mussten.
Und dann sahen wir ihn.
 
“When you realize the value of all life you dwell less on past and concentrate more on the conservation of the future.”
― Dian Fossey
 
Für einen Augenblick konnte ich kaum glauben, was ich sah. Da war dieses Wesen, das ich bisher nur aus Dokumentationen, Bildern und Büchern kannte – und plötzlich saß es tatsächlich vor uns. Nicht auf einem Bildschirm. Nicht hinter einer Glasscheibe. Sondern frei. In seinem Dschungel. Wir wurden aufgefordert, unsere Masken aufzusetzen. Nicht, um uns vor ihnen zu schützen, sondern um sie vor uns zu schützen. Denn Krankheiten, die für uns Menschen vielleicht harmlos sind, können für Gorillas gefährlich werden. Dieser Gedanke allein hat mich tief berührt. Wir waren die Besucher. Wir mussten uns ihrem Zuhause anpassen. Nicht umgekehrt. Dann durften wir uns auf einer kleinen Lichtung verteilen und plötzlich war da nur noch der Dschungel und sie.
Einer kletterte durch die Bäume. Ein anderer saß im Unterholz und beobachtete uns. Immer wieder tauchte irgendwo ein Gesicht zwischen Blättern auf. Ein Blick traf unseren – neugierig, vorsichtig, aufmerksam. Sie wussten, dass wir da waren. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sie uns mindestens genauso aufmerksam betrachteten, wie wir sie. Ich weiß noch genau, wie ich dort stand. Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Es war nicht einfach nur Freude. Es war etwas viel Größeres. Ein Gefühl, das irgendwo zwischen Demut, Dankbarkeit und tiefem Staunen lag. All die Anstrengung. Der Schweiß. Die nassen Schuhe. Die steilen Wege. Das schwere Atmen. Alles war in diesem Moment vergessen. Ich sah diese Tiere, die uns Menschen so ähnlich sind, und gleichzeitig in einer Welt leben, die uns vollkommen fremd geworden ist. Und ich musste an Dian Fossey denken. An eine Frau, die ihr Leben diesen Tieren gewidmet hatte. An ihre Nähe zu ihnen, ihre Beharrlichkeit und daran, wie außergewöhnlich es sein musste, ihnen nicht nur zuzusehen, sondern ihnen wirklich zu begegnen.
Für einen kurzen Moment fühlte ich mich, als würde ich einen winzigen Teil dieser Welt berühren.
Dann kamen die Tränen. Und schließlich lagen wir uns einfach in den Armen.
Wir waren erschöpft, überwältigt und glücklich. Wir brauchten keine großen Worte.
Wir wussten alle, dass wir gerade etwas erlebt hatten, das sich so nicht wiederholen lassen würde.
Dort, mitten im Dschungel Ugandas, zwischen feuchter Erde, dichtem Grün und den Blicken dieser faszinierenden Tiere, wurde mir etwas bewusst:
Manchmal muss man sehr weit gehen, um wieder etwas in sich selbst zu finden.
Und manchmal begegnet man dabei nicht nur einem Tier.
Sondern einem Stück von sich selbst.
zahlen und fakten
Die Tiere, denen wir an diesem Tag gegenüberstanden, waren Berggorillas – Gorilla beringei beringei. Sie gehören zu den Östlichen Gorillas und leben weltweit nur noch in zwei voneinander getrennten Gebieten: im Bwindi Impenetrable National Park in Uganda und im Virunga-Gebirge, das sich über Uganda, Ruanda und die Demokratische Republik Kongo erstreckt.
Und vielleicht macht genau das unsere Begegnung im Nachhinein noch bedeutungsvoller.
Denn diese Tiere sind keine gewöhnlichen Bewohner eines großen afrikanischen Lebensraums. Ihr Verbreitungsgebiet ist winzig geworden.
Der Bwindi Impenetrable National Park liegt im Südwesten Ugandas und umfasst rund 32.000 Hektar, also etwa 320 Quadratkilometer. Das Gelände ist extrem zerklüftet, mit steilen Berghängen, tiefen Tälern und Höhen zwischen etwa 1.160 und 2.706 Metern. Seit 1994 gehört Bwindi zum UNESCO-Weltnaturerbe.
Der Name „Bwindi“ bedeutet sinngemäß „undurchdringlich“ – und spätestens nachdem wir selbst durch dieses Dickicht gelaufen waren, konnte ich verstehen, warum.
 
Wie viele Berggorillas gibt es überhaupt?
 
Die letzte abgeschlossene Zählung in Bwindi stammt aus dem Jahr 2018. Damals wurden 459 Berggorillas im Bwindi-Sarambwe-Ökosystem erfasst – verteilt auf 36 soziale Gruppen sowie 16 einzelgängerische Tiere. Zusammen mit der damals aktuellen Zählung im Virunga-Gebiet wurde die weltweite Population der Berggorillas auf etwa 1.063 Tiere geschätzt.
Inzwischen gibt es neue Hoffnung: 2025 wurde eine neue Zählung in Bwindi begonnen, an der unter anderem die Uganda Wildlife Authority und internationale Naturschutzorganisationen beteiligt waren. Die Zählung wurde 2026 abgeschlossen; die neuen Daten werden derzeit noch ausgewertet. Das bedeutet: Die genaue aktuelle Zahl für Bwindi steht noch nicht endgültig fest.